O sole mio

Menschen, die von einem der ältesten irdischen Phänomene schwärmen, als hätte man sich nicht bereits vor tausenden Jahren daran sattgesehen, sind wohl hoffnungslose Romantiker. Dabei wird die Karussellfahrt unseres nimmersatten Planeten um einen Stern, der wie ein Leuchtfeuer mit Moral die todesmutigen Motten anzieht und gleichermaßen auf Abstand hält, oft zu einer Erinnerung im Zeichen der Hoffnung. Eine Erinnerung daran, dass wir nicht gefangen sind, im unendlichen Geschehen, sondern der Tag, der Monat, das Jahr enden muss, oder fröhlicher ausgedrückt, noch viele Stunden die Chance haben, großartig zu sein. Es ist leicht, dieses Wunder des Alltags zu übersehen, doch ab und an gibt es einen Moment, während einer Wanderung, einem Spaziergang im Park, beim pflichtbewussten Hochziehen der Rollo, in dem man sich überwältigt findet von einer grellen Lichtflut, die blendet und ein Lächeln erzwingt, denn tief in mir liebe ich sie, meine Sonne. 

Vermutlich kannte er bereits Capurros Worte, trug sie bei sich im Geiste, als den Musiker Eduardo Di Capua eine kalte Aprilnacht lang ein Gefühl quälte, das er Heimweh nannte, in einem kleinen Hotelzimmer in Odessa 1898 am Schwarzen Meer. Er wartete vergeblich auf die Erlösung des Schlafs, möglicherweise auf einen Traum von Neapel und durchs Fenster sah er wie ein Teil seines Landes, eines jeden Landes, seiner Seele sich ihm offenbarte. Unbeschreiblich ist es, eine solche Nacht zu überstehen, aber der Idee einer Melodie von Di Capua an diesem Morgen, und dem Gedicht von Giovanni Capurro, mag es gelingen. Die erste Strophe aus dem Neapolitanischen übersetzt: 

Wie schön ist ein sonniger Tag,
die klare Luft nach einem Sturm!
Durch die frische Brise scheint alles ein Fest zu sein.
Wie schön ist ein sonniger Tag.

Das Volkslied entstand in Zusammenarbeit mit Emanuele Alfredo Mazzucchi, der für viele von Di Capuas Werken mindestens mitverantwortlich war, aber die legendäre Geschichte bleibt ungetrübt. Im selben Jahr gewann der ab sofort neapolitanische Klassiker den zweiten Preis eines Volksfestes- des Volksfestes, das seit dem 16. Jahrhundert als Fiesta di Piedigrotta an der Kirche Santa Maria di Piedigrotta gefeiert wird und von 1839 bis 1982 im Wettbewerb „Canzone neapoletana“ traditionelle Musik über den Frühling und die Liebe auszeichnet. O sole mio ist, wenn auch nicht unbedingt frühlingshaft, auf vielen Ebenen ein Liebeslied, denn es handelt ebenso von der Liebe zu einer Sonne, die für den Menschen noch reizvoller ist, als die mächtige am Himmel.

Doch eine andere Sonne,
die noch viel schöner ist,
meine Sonne,
strahlt aus deinem Gesicht,
sta nfronte a te!

Die Scheiben deines Fensters leuchten.
Eine Waschfrau singt und rühmt sich.
Sie wringt, hängt die Wäsche auf und singt.
Die Scheiben deines Fensters leuchten!

Wenn es Nacht wird und die Sonne untergeht,
überkommt mich fast eine Schwermut.
Unter deinem Fenster möchte ich bleiben,
wenn es Nacht wird und die Sonne untergeht.

Während die Waschfrau (sich für ihren Gesang rühmend) die Wäsche wringt, geht die Sonne unentwegt auf und unter, und von der Sehnsucht ausschließlich nach der Heimat, ist keine Rede mehr. 

Für die Abschlussveranstaltung der Volksschule, bastelten mein damals bester Freund und ich eine Gondel aus Papier, die wir später nach dem Fest in zwei Hälften teilten, da wir den rechtmäßigen Eigentümer nicht ermitteln konnten. Meine (selbsterlegte) Aufgabe im Programm jedenfalls bestand darin, auf einer Bühne in besagter Gondel das neapolitanische Volkslied wie eine Arie zu „schmettern“ und mit Freuden „schmetterte“ ich- ungebremst vom sicher nicht böse gemeinten Glucksen mancher Eltern, als ich mit „Che bella cosa“ zu singen begann. Spätestens bei „Ma n’atu sole“ hörte ich kein Lachen mehr, zu stark vibrierten meine Stimmbänder. Ich erinnere mich an ein Orchester und daran, dass mir bei den letzten Tönen wie Eduardo Di Capua nach jener langen Nacht im April, die Augen erleichtert zufielen. Laut meinem Onkel, er brachte mir das Stück bei, sang ich recht treffsicher, eine Mitschülerin andererseits, mit der ich auch im Gymnasium die Klasse teilte, merkte im Gespräch einst an, dass ich nur noch geschrien hätte. Ich weigere mich, eine Aufnahme anzuhören. 

1916 erschien das Stück auf einer Platte, gesungen von Enrico Caruso. Angeblich vermochte sein Gesang die Grenzen eines Raumes zu sprengen und selbst den Tod vom Krankenbett der Mutter zu verscheuchen. Die Qualität damaliger Mikrofone erlaubt nur einem Bruchteil dieses Talents heute noch bewundert zu werden, reicht aber aus, wenn ich am Morgen das Handy mit einem Lautsprecher verbinde in der Hoffnung, Carusos Zauber zu empfangen. Nach dem großen Tenor versuchten sich Dean Martin, Elvis Presley und weitere Giganten an dem Lied aus Neapel mit großem Erfolg, der vielleicht auch auf dessen Einfachheit beruht. Eine einfache, aber keineswegs unromantische Beobachtung aus dem Fenster. Juri Gagarin summte es, während er als erster Mensch im Weltall die Erde umrundete.  

O sole mio erweckt die Sehnsucht nach Italien. Wer denkt nicht an all das stereotypische, das märchenhafte des Landes? So erging es den „Zuständigen“, als sie bei den Olympischen Spielen 1920 die Aufnahme der italienischen Hymne nicht rechtzeitig fanden und stattdessen O sole mio spielten. Nedo Nadi, der italienische Säbel- und Florettfechter, gewann „trotzdem“ (für den bösen Humoristen gerade deshalb) fünf von sechs möglichen Goldmedaillen. 

Es scheint, als profitierten so viele von dem Werk dreier Künstler; sie selbst blieben mit der Ehre belohnt, eines der berühmtesten Lieder aller Zeiten erschaffen zu haben. Eduardo Di Capua und Giovanni Capurro verkauften es für 25 Lire an einen Verlag aus Neapel. Urheberrecht und Tantiemen gab es noch nicht, Emanuele Alfredo Mazzucchi erlebte sie noch, verzichtete aber auf finanzielle Ansprüche. Seinen Erben gelang es, nach einem fünfundzwanzigjährigen Rechtsstreit, die Rechte bis 2042 abzusichern.  

Ich empfehle, ergibt sich einst eine komplizierte Nacht, mit O sole mio in den Tag zu starten und fünf von sechs möglichen Olympiagoldmedaillen sind garantiert. 

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Veröffentlicht von Moritz Pongratz

Moritz Pongratz wurde am 27.01.2003 in Kärnten geboren und veröffentlichte 2020 seinen ersten Lyrikband 41 Gedichte in beabsichtigter Reihenfolge im Verlag SchriftStella. Die Website "Moritz Pongratz Literatur" ist eine Art Portfolio und Medium zum Experimentieren zugleich. Publiziert werden Gedichte, Prosaminiaturen und Essays in Rohfassung.