Ukulelen

Mein Hund hat Flöhe –

singen die Kinder auf Hawaii, wenn sie die vier Saiten ihres Instruments auf G, C, E, A stimmen. Die meisten ihrer Ukulelen haben eine G – Saite, die zu den anderen Tönen eine Oktave höher schwingt, während manche Instrumente, vielleicht von älteren Kindern gespielt, durch ein „Low G“ einen größeren Ambitus bieten. Die fünfsaitige Bariton Ukulele beherrscht wahrscheinlich nur ihr Lehrer, der ein T-Shirt, auf dem ein goldenes k zu sehen ist, trägt und liebevoll zu seiner Tenor Ukulele greift. Sie hat achtzehn Bünde, seine Großmutter hat sie gekauft und ihm weitergegeben, als er alt genug war, eine solche Kostbarkeit richtig zu behandeln. Er streift über den Hals, dessen Bundmarkierungen aus Perlmutt in der Sonne leuchten. Es gibt aufwendiger gestaltete Ukulelen, Sonderanfertigungen der anderen k – Brands, oder von einzelnen Instrumentenbauern wie Eric DeVine, aber das Modell des Lehrers ist mehr als das Koa Holz, aus dem es geschaffen wurde. In der ersten Reihe sitzen die jüngsten Anfänger und die Sporanos liegen in ihren Händen wie Gitarren. Den kleinen Finger pressen sie auf die unterste Seite im dritten Bund- sie werden bald Griffe lernen, die einem erwachsenen Neuling nicht mehr möglich sind. „One, two, three, four.“ Mit dem rechten Zeigefinger lässt der Lehrer die Saiten klingen. C – Dur, nichts weiter, die Augen strahlen – auch die der Kinder. 

Über Umwege, aber vor allem durch Jake Shimabukuro, entdeckte ich die verborgene Welt der Ukulele für mich. So verborgen ist sie eigentlich nicht, das Instrument genießt internationale Beliebtheit- nur die Musikszene, die über eine Akkordbegleitung von Gesang hinausgeht, schmeckt ein bisschen wie eine nerdige Subkultur. Die Virtuosität ihrer Musikerinnen und Musiker ist atemberaubend- nicht allein von Jake Shimabukuro, der mit George Harrisons „While My Guitar Gently Wheeps“ so berühmt wurde, dass er das Stück vor Queen Elizabeth II. präsentieren durfte. Zu der Feststellung, die Ukulele wäre außerhalb von Hawaii lediglich als Spielzeug bekannt, entgegnete Shimabukuro, dass sein geliebtes Instrument nie den Anspruch erhoben hätte, ein Teil der ernsten europäischen Musikkultur zu sein, und die Dinge allgemein nicht so ernst genommen werden sollten. Der Funke meiner Inspiration. Ich hantierte mich mit meiner Sopranukulele, der kleinsten, aus einem lokalen Musikgeschäft von YouTube Video zu Notenblatt und zum ersten Mal fühlte sich das Üben eines Instruments unentbehrlich an. Die Akkorde aus dem Ukulele Unterricht einer Hawaii Enthusiastin reichten bald nicht mehr aus, um das Feuer meiner neuen Leidenschaft zu nähren und mit recht anspruchsvollen Transkriptionen sprintetet ich in die Richtung eines akzeptablen Niveaus. Jede freie Minute verbrachte ich entweder mit dem Zupfen der Saiten, oder einem Podcast über diverse Tonhölzer und Hersteller von Ukulelen, bis ich Mango von Mahagoni, gewöhnliche Akazie vom davon abstammenden Koa unterscheiden konnte und mir einbildete, die bekannten Marken am Klang zu erkennen. Was mir der damals sechsjährige Klavierunterricht nie geben konnte, saugte ich aus der sonnigen Stimme Hawaiis und träumte mich zum stolzen Besitzer einer Ukulele der k – Brands, den vier renommiertesten Herstellern, die ihre Instrumente in Handarbeit auf Hawaii bauen. 

Als Erfinder der Ukulele gilt Manuel Nunes, der 1879 von Madeira nach Hawaii auswanderte und mit anderen Portugiesen dort eine Fabrik für Braguinhas eröffnete- eine winzige viersaitige Gitarre aus Madeira, die von der Bevölkerung Hawaiis den Namen Ukulele, für „hüpfender Floh“ erhielt, da die Finger beim Spielen an Flöhe erinnerten. Nunes-Ukulelen wurden bis in die 1930er Jahre produziert und erfolgreich verkauft, doch bereits 1916 begann sich ein neuer Hersteller zu etablieren, der den Markt von nun an als „Urvater“ dominierte.  Samuel Kailiilii Kamaka erlangte schnell den Ruf die hochwertigsten Ukulelen anzufertigen und entwarf das Pineapple Modell, dessen Klangkörper der Form einer Ananas ähnelt und das Instrument zum Bestseller machte.  Nach Sam Seniors Tod übernahmen seine Söhne das Geschäft, und Sam Junior, verheiratet mit einer Ergotherapeutin, stellte 1955 erstmals Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung ein. Indem sie mit ihren Fingern auf das Holz trommelten und die Vibrationen wahrnahmen, bewiesen die gehörlosen Mitarbeiter außergewöhnliche Präzision im Handwerk und bis heute wird diese Fähigkeit wertgeschätzt. Kamaka Hawaii besteht seit über hundert Jahren als Familienunternehmen. Die einzigen Händler für Kamaka Ukulelen, die ich finden konnte, verkaufen diese mit ordentlichen Versandkosten in Großbritannien- nur Auserwählten gebührt diese Ehre. George Harrison soll einst alle vorrätigen Kamaka Ukulelen eines Musikgeschäfts gekauft haben. 

Die restlichen k-Brands gibt es noch nicht so lange. Kanile’a, Ko’olau und KoAloha, ebenso für ihre Wertigkeit und ihren Einfluss auf die Musikszene bekannt, stellen ausschließlich handgefertigte Instrumente aus massivem Holz her und sind darum (zu meinem Leidwesen) in keinem üblichen Musikgeschäft Europas zu bestaunen. Verständlicherweise möchte hier niemand ein Instrument in der Preisklasse eines iPhones kaufen, ohne Aussicht auf herkömmlichen Unterricht. (außer mir)

In meinen Augen ist die Aufgabe einer Ukulele, ganz gleich wessen Herstellers, einzig und allein das Spenden von Freude und darum glaube ich, ist ihr tropisch anmutender, bescheidener und unverwüstlicher Klang so populär, der jede Lebenssituation zu bereichern vermag. Während des Koreakriegs hatte Fred Kamaka Sr. eine Ukulele seines Vaters geschultert, die ihm in der Zeit seines Dienstes für die Army die Hoffnung, in Form einer Erinnerung an seine Heimat, bewahrte. Corey Bergman gründete 2014, ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes, die gemeinnützige Organisation: „Ukulele Kids Club Inc.“, als er erkannte welchen Beitrag das kleine Instrument in den Händen von Kindern leisten kann. Mit den Spendengeldern werden Ukulelen für Kinderkrankenhäuser gekauft. 

Der vierte Lockdown neigt sich dem Ende zu und erst neulich wagte ich mich mit meiner KoAloha Ukulele (Konzertgröße mit Tenorhals) wieder an die Transkription eines viel zu schweren Stückes. Sie begleitet mich nun schon drei Jahre lang, auf ihr spielte ich „Blackbird“ von Paul McCartney zur Verleihung der Maturazeugnisse. Ich werde nie meine stolzen Worte vergessen: „Blackbird – von George Harrison.“ und auch die dadurch Verunsicherten behielten ihren Zweifel für sich. 

Den kleinen Finger am dritten Bund, von oben nach unten streifen: C – Dur, nichts weiter. 

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Veröffentlicht von Moritz Pongratz

Moritz Pongratz wurde am 27.01.2003 in Kärnten geboren und veröffentlichte 2020 seinen ersten Lyrikband 41 Gedichte in beabsichtigter Reihenfolge im Verlag SchriftStella. Die Website "Moritz Pongratz Literatur" ist eine Art Portfolio und Medium zum Experimentieren zugleich. Publiziert werden Gedichte, Prosaminiaturen und Essays in Rohfassung.