Backgammon

Troja wird belagert und während so mancher Grieche grübelt, wie der Wall der Stadtmauern zu überwinden sei, haben die meisten Soldaten ein ganz anderes Problem: Die Langeweile. Sie können nichts dafür, dass ihre Herrscher in eine mythische Schlacht gezogen sind, um die Frau von Menelaos an ihrem Glück zu hindern. Da war es die Erfindung eines gewissen Palamedes, die den Griechen wahrlich zum Sieg verhalf, noch bevor Odysseus mit seinem Handwerk prahlen konnte. Der Legende nach entstand in jenen Monaten, im zwölften Jahrhundert vor Christus, das Brettspiel, im Speziellen Backgammon. 

Die Römer kannten dessen Urform unter Namen wie „Doudecim Skripta“, oder „Ludos Dodecim Skriptorium“; zu betrachten ist es auf einer Wandmalerei in Pompeji. Damals spielte man mit drei Würfel, und dem aktuellen Brett war eine weitere Reihe hinzugefügt. Man lasse sich nicht vom Würfelbecher täuschen, das Spiel galt nicht nur den Soldaten als Zeitvertreib. Kaiser Claudius widmete der Affäre ein stolzes, wenn auch verloreneres Buch. Auf ihn gründet die lange Tradition darüber zu schreiben, denn Äonen später, aus den Gedichten Samuel Butlers, entnimmt die Geschichte den heutigen Namen des Spiels (aber ich greife zu weit voraus). Ausgerechnet während den Kreuzzügen erlebte es seine Renaissance und hinterlässt eine Spur bis zu Richard Löwenherz führend, der jedem, vom Stande minder als ein Ritter, verbot, das Ersparte damit zu verspielen. König Alfons X. von Kastilien erklärt die Regeln in seinem Buch der Spiele. 

Was muss ein Soldat erleiden, dass ihm die Ablenkung so gelegen kommt. Im Dreißigjährigen Krieg verbreitet sich das beinah vergessene Spiel in ganz Europa und Varianten wie das französische Tric Trac entstehen, das der Schriftsteller Prosper Mérimée ehrt in „Die Trictracpartie“ Vielleicht ein Vorgänger der Schachnovelle? (Wohl kaum.)

Ohne der Pietätlosigkeit bezichtigt werden zu wollen, braucht es anscheinend eine Katastrophe, damit ein Spiel wie Backgammon dem Zeitgeist entspricht. So entdeckte ich es, in einem jener Lockdowns unserer Zwanziger Jahre und bin seitdem begeistert. Nicht, da es potentiell mein Taschengeld aufbessern könnte (wir spielen ohne Einsatz), vielmehr aus Liebe zur Strategie, die vor Ungeduld beim Schach zu verblassen droht, aber bei Backgammon zügig sich nährt. Das Spiel ist rasant, wie ein übereilt aufgesagtes Gedicht, auswendig gelernt und voll Tücke, Improvisation und purem Glück. Selbst ein gekonnter Spieler muss sich gelegentlich geschlagen sehen, wenn ein Pasch nach dem anderen gewürfelt wird und die Augenzahlen vierfach zählen. Aber zustande kommt auch ein gewisser Flow und meditativ stellt man sich seinem Schicksal.

1931 wurden die Regeln festgelegt, vom Card and Backgammon Committee des New Yorker Racquet and Tennis Club. Das erste Turnier fand 1964 auf den Bahamas statt und die erste Weltmeisterschaft 1976 in Las Vegas. Dem Sport jedoch eifere ich nicht nach. Mir ist das Spiel nur eine mittlerweile häufig praktizierte Methode, für die Dauer eines Augenblicks Troja und die Streitereien der Könige zu vergessen und mich in trauter Zweisamkeit zu vergnügen. 

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Veröffentlicht von Moritz Pongratz

Moritz Pongratz wurde am 27.01.2003 in Kärnten geboren und veröffentlichte 2020 seinen ersten Lyrikband 41 Gedichte in beabsichtigter Reihenfolge im Verlag SchriftStella. Die Website "Moritz Pongratz Literatur" ist eine Art Portfolio und Medium zum Experimentieren zugleich. Publiziert werden Gedichte, Prosaminiaturen und Essays in Rohfassung.